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Fachbeitrag

Qualitätssicherung: prüfen, ohne vor Ort zu sein

Sobald der Ist-Zustand vollständig erfasst ist, ändert sich die Frage. Nicht mehr „wer fährt hin?", sondern „wer schaut sich das an?"

Fachbeitrag der Open Experience GmbH. Stand: September 2026

Was ist digitale Qualitätssicherung am Bau?

Digitale Qualitätssicherung heißt, den erfassten Ist-Zustand der Baustelle systematisch gegen den Soll-Zustand zu prüfen — statt sich auf das zu beschränken, was während eines Ortstermins auffällt. Grundlage ist eine regelmäßige, vollständige Aufnahme, meist als 360°-Begehung. Darauf aufbauend werden Abweichungen am Bildschirm festgestellt, gemeinsam mit Fachplanern beurteilt und als Vorgang weiterverfolgt. Der Ortstermin entfällt dadurch nicht, er wird gezielter.

Rechtsstand: Deutschland (BGB, VOB/B, HOAI). Abweichende Vereinbarungen im Bauvertrag gehen den hier genannten Regelfristen vor.

Die virtuelle Begehung

Eine virtuelle Begehung ist keine Videokonferenz von der Baustelle, sondern das Durchschreiten einer aufgenommenen Baustelle am Bildschirm — zu einem beliebigen Zeitpunkt, beliebig oft, von beliebig vielen Personen. Der praktische Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern darin, wer dadurch mitprüfen kann.

  • Fachdisziplinen ohne AnreiseStatik, TGA, Brandschutz: Wer nicht jede Woche anreisen kann, sieht trotzdem den aktuellen Zustand.
  • Vorbereitung statt SucheWer vor dem Ortstermin weiß, wohin er muss, verbringt die Zeit vor Ort mit Beurteilen statt mit Laufen.
  • Gemeinsam auf denselben Zustand schauenDiskussionen über „wie es aussah" hören auf, wenn alle dieselbe Aufnahme sehen.
  • Auch für Entfernungen, die sonst nicht gehenBei Projekten im Ausland ist die vollständige Aufnahme oft der einzige Weg, Fachexpertise regelmäßig einzubinden.

Was sich gegenüber der klassischen QS ändert

Der Unterschied ist nicht Genauigkeit gegen Ungenauigkeit, sondern Stichprobe gegen Bestand.

FrageKlassischMit vollständiger Ist-Erfassung
*Was wurde geprüft?*Was beim Rundgang zugänglich und sichtbar warDer gesamte begangene Bereich, auch unbeachtete Stellen
*Wann wurde geprüft?*Zum TerminZu jedem Aufnahmezeitpunkt, auch rückwirkend
*Wer konnte prüfen?*Wer vor Ort warJeder Berechtigte, auch nachträglich
*Was liegt danach vor?*Protokoll und einzelne FotosEin durchgehender Zustand mit Zeitachse

Der Ortstermin bleibt unverzichtbar: Geruch, Feuchte, Klopfprobe und die Beurteilung im Detail lassen sich nicht aufnehmen.

Der Soll-Ist-Abgleich

Sobald die Aufnahmen im Grundriss oder im Modell verortet sind, lässt sich der erfasste Zustand gegen die Planung halten: Ist das Bauteil vorhanden, sitzt es an der geplanten Stelle, entspricht die Ausführung dem Detail. In der Praxis geschieht das heute überwiegend durch Menschen am Bildschirm — die maschinelle Auswertung ist Gegenstand der Forschung und für einzelne Fälle bereits demonstriert.

  • Fortschritt statt SchätzungDer Einbauzeitpunkt einzelner Bauteile ist aus der Aufnahmereihe ablesbar — nützlich bei Behinderungen und Nachträgen.
  • Rechnungsprüfung mit BildDie Abschlagsrechnung neben der Aufnahme desselben Bereichs macht die Prüfung schneller und die Diskussion kürzer.
  • Abweichung als VorgangEine festgestellte Abweichung wird zum Mangel mit Ort, Bild und Frist — nicht zu einer Notiz im Protokoll.

BIM in der Bauausführung

Was die Forschung dazu beigetragen hat

Im BMBF-geförderten Projekt ESKIMO wurde untersucht, wie weit sich die technische und kaufmännische Qualitätssicherung automatisieren lässt: die Erkennung optischer Mängel wie Kratzer und Risse, der Abgleich erkannter Bauobjekte mit der Topologie des BIM-Modells und die Positionsbestimmung auf der Baustelle. Open Experience hat das Konsortium aus elf Partnern koordiniert.

Einordnung: Diese Verfahren sind Prototypen aus einem Forschungsprojekt, keine Serienfunktionen. Was heute produktiv läuft, ist die vollständige Erfassung — sie ist die Voraussetzung für alles Weitere.

KI auf der Baustelle

Woran digitale QS scheitert

Unregelmäßige Aufnahme

Drei Begehungen im ganzen Projekt ergeben keine Zeitachse, sondern drei Bilder.

Aufnahmen ohne Verortung

Ohne Bezug zum Grundriss ist eine 360°-Aufnahme nur ein sehr breites Foto.

Niemand schaut hin

Erfassung ohne Auswertung erzeugt Datenmengen und keinen Nutzen.

Feststellung ohne Vorgang

Was am Bildschirm auffällt, muss denselben Weg gehen wie ein Mangel von der Baustelle.

Zu spät begonnen

Der Rohbau ist der interessanteste Teil — später ist das meiste davon verschlossen.

Besser

Fester Rhythmus, feste Aufnahmepunkte, eine benannte Person, die auswertet.

Die Aufnahme, die den Zwilling trägt

DIGIBAU 360 sitzt auf dem normalen Bauhelm und nimmt während des ohnehin stattfindenden Rundgangs 360°-Bilder auf — im manuellen Modus an vordefinierten Aufnahmepunkten im Grundriss, im automatischen Modus ohne jede Eingabe. Zusätzlich werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit erfasst. Aus der Reihe dieser Begehungen entsteht der Zustand, gegen den geprüft wird.

DIGIBAU 360 ansehen

Häufige Fragen

Ersetzt die virtuelle Begehung den Ortstermin?

Nein. Sie verlagert Vorbereitung und Beurteilung an den Schreibtisch und macht den Ortstermin gezielter. Prüfungen, die Berührung, Geruch oder Messung verlangen, bleiben vor Ort.

Wie oft muss aufgenommen werden?

So dicht, dass zwischen zwei Aufnahmen nichts Wesentliches verschwindet. In verschließenden Phasen bedeutet das wöchentlich oder häufiger, im Ausbau oft alle zwei Wochen.

Erkennt die Software Mängel automatisch?

Im Produktivbetrieb nicht. Die automatische Erkennung optischer Mängel ist im Projekt ESKIMO demonstriert worden und Gegenstand der Weiterentwicklung — heute prüfen Menschen, unterstützt durch vollständige Aufnahmen.

Was ist mit Personen auf den Aufnahmen?

360°-Aufnahmen erfassen alles, was im Raum ist. Die automatische Verpixelung von Personen und Gesichtern ist deshalb kein Zusatz, sondern Voraussetzung für den regelmäßigen Einsatz.

Wer wertet die Aufnahmen aus?

In der Regel die Objektüberwachung, bei Bedarf gemeinsam mit Fachplanern. Ohne benannte Zuständigkeit bleibt die Auswertung liegen — das ist der häufigste Grund für Enttäuschung.

Was passiert mit den Daten nach der Fertigstellung?

Sie werden Teil der Bestandsdokumentation. Für Umbau, Wartung und Gewährleistung ist eine Aufnahme des Zustands vor dem Verschließen oft wertvoller als jeder Bestandsplan.

Prüfen, was tatsächlich gebaut wurde.

In 45 Minuten zeigen wir eine echte 360°-Begehung: Zeitachse, Soll-Ist-Vergleich und der Weg von der Feststellung zum Vorgang.